04.01.2021

Verschwenderische Privathaushalte

Rund zwölf Millionen Tonnen an Lebensmitteln mit einem Gesamtwert von rund 21 Milliarden Euro entsorgen Industrie, Handel und Verbraucher jährlich. 61 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel stammen dabei aus Privathaushalten, so eine vom BMEL geförderten Studie. Dabei wäre nach Expertenschätzungen fast die Hälfte der Lebensmittelabfälle in deutschen Haushalten vermeidbar. Weitere 18 Prozent wären teilweise vermeidbar.

Richtig einkaufen

Wer schon vor und beim Einkauf darauf achtet, nichts Unnötiges in den Korb zu legen, braucht zu Hause auch keine Lebensmittel zu entsorgen. Überprüfen Sie vor dem Einkauf den Inhalt von Kühlschrank, Speisekammer und Co., damit nichts doppelt lagert und verdirbt. Schreiben Sie einen Einkaufszettel und kaufen Sie nichts spontan oder ungeplant.

Lassen Sie sich im Supermarkt nicht von Sonderangeboten verführen. Großpackungen sind nur preiswerter, wenn man zu Hause nicht die Hälfte wegschmeißt; ansonsten ist die kleine Packung die bessere Wahl. Und noch ein Einkaufs-Tipp der ARAG Experten: Nie hungrig in den Supermarkt gehen! Ein knurrender Magen sorgt für einen unnötig vollen Einkaufswagen.

Gute Idee: Selber Lebensmittel retten

Das funktioniert besonders gut in Städten. Verbraucher holen regelmäßig Lebensmittel von Obst und Gemüse über Kühlware bis zu Brot und Brötchen, die entsorgt werden müssten, bei Supermärkten oder auf Großmärkten ab. Sie verbrauchen sie entweder selbst oder geben sie weiter an gemeinnützige Organisationen, in der Nachbarschaft, über private WhatsApp-Gruppen oder über Facebook auch an unbekannte Interessierte.

In Düsseldorf sind beispielsweise die Netzwerke Foodsharing.de, das auch deutschlandweit agiert, und Enjoy the Food, das sich regional engagiert, sehr aktiv. Beide Organisationen haben unter anderem so genannte Fairteiler-Fahrräder im Stadtgebiet aufgestellt, die sie mit geretteten Lebensmitteln beliefern. Die Räder werden aber auch gerne von Anwohnern genutzt, die Lebensmittel zu viel haben und diese dort ablegen. Ein kleiner Post auf Facebook, und schon kann man sich kostenlos bedienen. „Enjoy the food“ verschenkt zudem einmal die Woche Lebensmittel an der Heinrich-Heine-Universität – nicht nur an Studenten.

Lebensmittel im größeren Stil rettet in Köln der Laden The Good Food. Dort kann jeder die Lebensmittel wie Brot vom Vortag, nachgeerntetes Bio-Gemüse oder Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, erwerben. Guter Ansatz: Bei den meisten Lebensmitteln bestimmt jeder selbst, was er zahlt. „Zahl, was es dir wert ist“, nennt sich das Konzept. So muss man sich Gedanken zu den Waren machen, die man mitnehmen möchte. Und klar, dass Gutverdiener mehr Geld für Bio-Zitronen und leckeres Ginger Beer hinlegen sollten als ein Auszubildender oder Student.

Nachernte: Ab auf den Acker

Nach der Erntezeit fangen Landwirte in der Regel sofort wieder an, die Äcker und Felder auf die nächste Saison vorzubereiten. Das restliche Gemüse, das vielleicht kleine Schönheitsfehler aufweist, pflügen sie unter. Wenn es Sie aber nicht stört, dass die Kartoffeln zu klein oder die Gurken krumm sind, können Sie den Landwirt fragen, ob Sie sich an den übrig gebliebenen Lebensmitteln bedienen dürfen.
Einige Bauern laden auch aktiv zur Nachernte auf ihren Feldern ein. Auf einem Feld einfach so zuzugreifen, ist dagegen nicht nur keine gute Idee, sondern Diebstahl. Der Geschädigte kann bei einem Wert von unter 50 Euro entscheiden, ob er den Diebstahl zur Anzeige bringt. Liegt der Wert des Diebesgutes höher, wird automatisch Anzeige erstattet. Wiederholungstätern kann sogar eine Freiheitsstrafe oder eine Verhaltenstherapie auferlegt werden.

Einige Bauern laden aktiv zur Nachernte auf ihren Feldern ein. Der Bioland Lammertzhof in der Nähe von Düsseldorf veranstaltet zum Beispiel schon seit mehreren Jahren Nachernte-Aktionen, bei denen Besucher das selbst geerntete Gemüse kostenlos mitnehmen können.

Foodbox: Lebensmittel bedarfsgerecht liefern lassen

Es gibt mittlerweile viele Anbieter von so genannten Food- oder Kochboxen. Der Ablauf ist aber grundsätzlich gleich. Sie suchen sich aus dem Angebot Ihr Lieblingsrezept aus, das Sie demnächst für sich und eine definierte Anzahl an Essern zubereiten möchten. Außerdem können Sie meist wählen, ob Sie sich vegetarisch oder vegan ernähren wollen. Bei größeren Anbietern können Sie mit den angebotenen Rezepten sogar einer Diät (z. B. Low-Carb) folgen. Sie erhalten dann alle benötigten Zutaten per Paketdienst nach Hause geliefert. In der Regel sind die Zutaten sorgfältig und – falls erforderlich – gut gekühlt verpackt. Die Vorteile: Auf diese Weise erhalten Sie nur genau die Waren, die Sie benötigen. So können Sie sicher sein, dass Sie beim Einkauf keine wichtige Zutat vergessen haben. Die Nachteile: Es fällt beim Versenden möglicherweise Verpackungsmaterial an, das Sie bei einem Bauernmarkt-Einkauf mit Korb oder Einkaufstasche nicht hätten. Die meisten Foodboxen gibt es auch nur im Abo. Sie können aber wählen, wie oft oder in welchen Abständen Sie bestellen wollen. Vielbesteller erhalten von einigen Anbietern Rabatte oder Gutscheine.

Too Good To Go

Eine weitere gute Idee vom gleichnamigen Berliner Startup-Unternehmen hat das gleiche Ziel. Mit der angebotenen App können Verbraucher für wenig Geld übrig gebliebene Waren bestellen. Darin enthalten: Überschüssiges und unverkauftes Essen von Restaurants, Hotels, Bäckereien oder Supermärkten. Nur manchmal kann man sich sein Essen selbst aussuchen. Genommen wird eben, was vom Tage übrig geblieben ist. Man bestellt online und muss meist zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt am Abholort erscheinen. Gezahlt wird ausschließlich unbar. In der Regel bekommt man das gerettete Essen zur Hälfte oder einem Drittel des Normalpreises. Manche Anbieter sind dabei äußerst großzügig, aber dann sind die Portionen auch schnell vorbestellt und ausverkauft. Ähnlich wie Too good to go funktioniert der in Finnland gegründete ResQ Club, aber derzeit nur in Berlin aktiv ist..

Krumme Dinger

Ein Herz für krumme Gurken oder Obst mit Minimacken hat der Anbieter Etepetete. In den Bio-Obst- und Gemüse-Boxen befindet sich Ware, die nicht den üblichen Schönheits-Normen entspricht. Etepetete wirbt zudem mit plastikfreier Verpackung und CO2 neutralem Versand. Mit ein bisschen Glück bekommt man inzwischen auch schon beim Discounter solche „krummen Dinger“ und kann beim täglichen Einkauf aktiv gegen Lebensmittelverschwendung werden.

Beste-Reste-App

Im Rahmen ihrer Initiative ‚Zu gut für die Tonne‘ hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine App entwickelt, mit der man die Reste aus dem Kühlschrank zu einer leckeren Mahlzeit verarbeiten kann. Knapp 700 Reste-Rezepte, auch von Prominenten und Sterneköchen, sind in der Datenbank enthalten. Wer ein eigenes Reste-Rezept hat, das er teilen möchte, kann es auf der ‚Zu gut für die Tonne‘-Seite eingeben und dort auch die App herunterladen. Auch Tipps zur Vermeidung von Verschwendung und für Einkauf und Lagerung der Lebensmittel sind in der App enthalten.

Einkaufen im Unverpackt-Laden

Knapp 230 Kilogramm Verpackungsmüll hat jeder Deutsche laut Bundesumweltamt im Jahr 2018 produziert. Das ist ein Kilo mehr als im Jahr davor. Aber es gibt auch Gegenströmungen: Keinen Müll mehr produzieren, Mikroplastik eindämmen, klimaneutraler Konsum – alles Kriterien der aktuell nachhaltigen Bewegung. An diese hat sich auch der Markt angepasst. Wer dem Verpackungswahnsinn entfliehen möchte oder Alternativen bezüglich Inhaltsstoffen und Einkaufserlebnis sucht, sollte es mal mit einem „ZeroWaste-Laden“ versuchen.

Das Konzept
Zero Waste steht für null Verpackung oder null Verschwendung. Dabei handelt es sich nicht um einen verrückten Öko-Trend, sondern um eine Philosophie. Die Basis bilden die fünf Rs: Refuse (Verzichten auf das, was man nicht benötigt), Reduce (Reduzieren auf das, was man wirklich konsumiert), Reuse (Wiederverwenden statt Wegwerfen), Recycle (Wiederverwerten von möglichst vielen Dingen) und Rot (Kompostieren von Abfällen).

„Unverpackt“, „Bio.Lose“ oder „Ohne Gedöns“ – die Namen der Läden deuten das Konzept schon an. Ihre Mission ist es, biologische und regionale Produkte ohne Verpackung zu verkaufen. In einigen Läden kann man sogar Mittag essen oder Kaffee trinken.

Was bekommt man?
Eine skeptische Voreinstellung ist hier nicht verwunderlich. Kann ein Großeinkauf in einem Laden erledigt werden, der keine Verpackungen hat? Schränkt dies nicht auch das Angebot ein?

In Zero Waste-Läden werden alle gängigen Nahrungsmittel angeboten. Das kann von Nudeln, Reis, Kartoffeln, Mehl, Zucker, Kaffee über Milchprodukte, Öl oder Süßigkeiten bis zu Nüssen reichen. Darüber hinaus gibt es auch Hygieneartikel wie zum Beispiel Zahnbürsten, Rasierer und Shampoo. Zudem lassen sich weitere Dinge wie Brotdosen, Trinkflaschen, Waschmittel oder andere Haushaltsartikel finden. Je nach Größe des Ladens gibt es auch Fleisch- und Käsetheken sowie einen Bäcker. Vermisst werden sollte hier generell nichts. Durch die Regionalität und Bioqualität ist die Auswahl der Produkte allerdings etwas eingeschränkt.

Alle Produkte werden aus den Spendern direkt in das private Gefäß gefüllt. Für frisches Obst und Gemüse sowie weitere unverpackte Produkte gilt, wie auch in üblichen Supermärkten, alle Einkäufe gründlich abzuwaschen.

Was bekommt man nicht?
Verschreibungspflichtige Medikamente dürfen nur in Verpackungen verkauft werden, die bestimmte Sicherheitsmerkmale aufweisen. So soll Fälschungen vorgebeugt werden. Ein unverpackter Verkauf ist daher nicht möglich. Auch andere Medikamente werden nicht unverpackt verkauft. Das hat zum einen hygienische Gründe und zum anderen bieten die Pharmakonzerne keine Alternativen an. Auch bei Tiefkühlprodukten, wie etwa gefrorenem Gemüse, Eis oder Tiefkühlpizza gibt es noch kein Konzept für einen verpackunslosen Einkauf.

Wie läuft es ab?
Was sich hier vom gewohnten Einkauf unterscheidet, sind natürlich die fehlenden Verpackungen. Die müssen hier selber mitgebracht werden. Deswegen lautet der Tipp der ARAG Experten: Vorbereitung. Neben dem Schreiben einer Einkaufsliste muss jetzt auch überlegt werden, welche Behälter für welche Produkte mitgenommen werden sollten. Das können Gläser, Brotdosen oder Beutel sein. Diese Behältnisse werden im Laden gewogen. Das Gewicht wird notiert und später vom Gesamtgewicht des Lebensmittel inklusive Behälter abgezogen. Danach kann die Menge des Produkts frei gewählt werden. Wer einen Behälter vergessen hat oder spontan weitere Produkte kaufen möchte, bekommt praktische Hilfe vor Ort. Denn in vielen Läden gibt es eine Art Spendenbox, in der Gläser und weitere Behälter abgegeben werden können. Hier dürfen sich Kunden bedienen.

Unverpacktes Online-Shopping?
In der Regel sind Online-Bestellungen eher doppelt und dreifach verpackt, damit sie heil beim Empfänger ankommen. Tatsächlich kann man aber auch in Zero Waste-Läden virtuell einkaufen – natürlich im biologisch abbaubaren Karton.

Gut zu wissen

Containern – weiterhin nicht legal

Wer sich mit Lebensmitteln aus dem Müllcontainer eines Supermarktes eindeckt, muss damit rechnen, als Dieb verurteilt zu werden. In einem konkreten Fall hatten genau dies zwei Studentinnen getan: Beim so genannten „Containern“ holten sie sich unter anderem noch essbares Obst und Gemüse aus dem Müllcontainer eines Supermarktes. Nicht etwa, weil sie Hunger hatten, sondern unter anderem aus Protest gegen die Lebensmittelverschwendung. Doch die beiden Frauen scheiterten in höchstrichterlicher Instanz. Die Bundesverfassungsrichter nahmen ihre Verfassungsbeschwerden erst gar nicht zur Entscheidung an: Sie waren der Ansicht, dass es sich beim Containern um Diebstahl handelt, denn auch wirtschaftlich wertlose Sachen können strafrechtlich geschützt sein (Az.: 2 BvR 1985/19 u. a.).

Mindesthaltbarkeitsdatum versus Verbrauchsdatum

Viele Verbraucher verwechseln Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) und Verbrauchsdatum. Beim MHD sagen die Produzenten, bis zu welchem Tag das Lebensmittel bei richtiger Lagerung seine Eigenschaften wie Geruch oder Geschmack behält. In den meisten Fällen ist es aber noch sehr viel länger genießbar. Händler dürfen die Waren auch grundsätzlich noch nach Ablauf des MHD verkaufen.

Lebensmittel mit Verbrauchsdatum wie Hackfleisch, frische Bratwurst und andere frische Fleischprodukte, Fisch, Feinkostsalate und geschnittene Salate hingegen dürfen nach Ablauf nicht mehr verkauft werden und müssen spätestens am Abend des aufgedruckten Datums aus dem Regal oder der Kühltruhe genommen werden. Sie erkennen das Verbrauchsdatum an der Formulierung „zu verbrauchen bis…“.

Bei Verfärbungen, Schimmelbildung, Geruchsveränderung oder Gasbildung sollten Sie Lebensmittel besser wegwerfen.

Gemüse: Wie regional ist regional?

Ist eine Frühkartoffel noch aus der Region, wenn sie 100 Kilometer gereist ist? Darf der Handel "regionale" Erdbeeren aus dem Nachbarland verkaufen?

Was ist erlaubt im Supermarkt?

Dürfen Sie eine Verpackung öffnen, um sie auf Vollständigkeit zu überprüfen? Müssen Sie eine heruntergefallene Flasche bezahlen? Antworten auf Fragen wie diese lesen Sie im Rechtsstipp.

Darf Ware ohne Preis im Schaufenster stehen?

Was die Preisangabenverordnung zu dieser Frage sagt, lesen Sie in unserem Rechtstipp.