19.02.2018

Eine bevorstehende Geburt ist meist ein Grund zu großer Freude – aber leider nicht immer! Manchmal befinden sich Frauen in Lebenssituationen oder Zwangslagen, die eine unbeschwerte Schwangerschaft und Niederkunft unmöglich machen. Eine Schwangerschaft geheimhalten zu müssen, ist ein schwieriges Problem, zumal sich anonyme Geburten in der Vergangenheit oft in einer rechtlichen Grauzone bewegt haben. Hier hat das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) nachgebessert. ARAG Rechtsexperte Tobias Klingelhöfer beantwortet dringende Fragen.

Was ist eine vertrauliche Geburt?

Tobias Klingelhöfer
Bei einer vertraulichen Geburt wird Schwangeren die Möglichkeit geboten, ein Kind medizinisch sicher und anonym zur Welt zu bringen. Die betroffenen Frauen geben ihre Identität nur einmalig gegenüber der Beraterin preis, die ihre persönlichen Daten aufnimmt und dafür sorgt, dass diese sicher hinterlegt werden.

Erfährt das Kind, wer seine Mutter ist?

Tobias Klingelhöfer
Vorerst erfährt das Kind nicht, wer seine Mutter ist. Nach dem Gesetz ist die vertrauliche Geburt eine Entbindung, bei der die Schwangere ihre Identität nicht offenlegt und stattdessen Angaben zur Erstellung eines Herkunftsnachweises macht. Dieser Nachweis wird gespeichert – für den Fall, dass das Kind später seine leibliche Mutter kennenlernen möchte.

Kennen die Berater und das medizinische Personal die Identität der Mutter?

Tobias Klingelhöfer
Alle Beteiligten unterliegen der gesetzlichen Schweigepflicht. Sie schützen die Identität der Mutter auch nach der Geburt.

Wer kann eine vertrauliche Geburt in Anspruch nehmen?

Tobias Klingelhöfer
Jede Frau, die ihre Schwangerschaft geheim halten möchte, kann den Weg der vertraulichen Geburt wählen. Sie kann sich jederzeit an die Beratungsstelle des Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wenden, wenn sie Rat und Hilfe benötigt.

Wo kann man sich beraten lassen?

Tobias Klingelhöfer
Schwangere Frauen können sich zum Beispiel an das Hilfetelefon „Schwangere in Not“ wenden. Unter 0800 40 40 020 sind hier jederzeit erfahrene Beraterinnen zu sprechen – kostenfrei und anonym.

Darüberhinaus gibt es eine Online-Beratung. Hier haben die Rat suchenden Frauen die Möglichkeit, sich per E-Mail oder per Einzel-Chat beraten zu lassen.

Neben schwangeren Frauen werden auch Männer, Familienangehörige, Bekannte oder Freunde in den Beratungsstellen kostenfrei und auf Wunsch anonym beraten.

Ein Neugeborenes muss beim Standesamt gemeldet werden. Wie geht das anonym?

Tobias Klingelhöfer
Die Entbindungsklinik oder die Hebamme informiert nach der Geburt das Standesamt. Dort wird die Geburt des Kindes unter einem vorher gewählten Namen registriert. Als Name der Mutter wird ein Pseudonym eingetragen.

Wie geht es mit einem anonym geborenen Kind weiter?

Tobias Klingelhöfer
In der Regel folgt dann eine Adoption. Das Jugendamt nimmt das Baby in Obhut und kümmert sich um einen Vormund, der die elterlichen Rechte und Pflichten übernimmt, bis der Adoptionsbeschluss vorliegt.

Muss die Mutter das Kind weggeben?

Tobias Klingelhöfer
Nein! Grundsätzlich kann sich die Mutter noch bis zum Adoptionsbeschluss für ein Leben mit dem Kind entscheiden. Nur wenn sie sich nicht in der Lage sieht, mit dem Kind zu leben, wächst dieses bei liebevollen Adoptiveltern auf.

Was geschieht, wenn sich die Lebenssituation der Mutter verbessert?

Tobias Klingelhöfer
Ein Adoptionsverfahren dauert erfahrungsgemäß ein Jahr. Bis das vollständig abgeschlossen ist, kann die Mutter ihre Anonymität aufgeben und sich für ein Leben mit ihrem Kind entscheiden.

Kann das adoptierte Kind erfahren, woher es kommt?

Tobias Klingelhöfer
Ja! Es ist sogar die Regel. Eine vertrauliche Geburt wahrt das Grundrecht des Kindes zu erfahren, wer die leiblichen Eltern sind. Die hinterlegten persönlichen Daten kann aber ausschließlich das betroffene Kind nach seinem 16. Geburtstag einsehen.

Die Ausnahme: Wenn das Leben der Mutter, ihre Gesundheit oder persönliche Freiheit bedroht sind, kann sie der Einsicht in ihre Daten ab dem 15. Lebensjahr des Kindes widersprechen. In einem solchen besonders dramatischen Fall bleibt die Anonymität der Mutter weiter gewahrt.

Pflegekinder aufnehmen – So geht es

Sie möchten eine Familie auf Zeit oder dauerhaft für Pflegekinder oder Flüchtlingskinder sorgen? Wir unterstützen Ihren Weg gerne mit den wichtigsten Informationen. Nur Mut! Sie werden gebraucht.

Wie läuft eigentlich eine Adoption ab?

Erfahren Sie, wie eine Adoption funktioniert: Voraussetzungen, Adoption, Verfahren, Kosten und Spezialfälle.