Das Geräusch kennt wohl fast jeder von uns: Ein Piepen im Ohr, das plötzlich auftaucht, um kurze Zeit später wieder zu verschwinden. Bei manchen verschwindet es aber leider nicht und begleitet sie rund um die Uhr. Als Piepen, Summen oder Klingeln. In Deutschland gibt es mehr als drei Millionen Tinnitus-Betroffene, denen die Piep-Show nicht nur den Schlaf – sondern oft auch den letzten Nerv raubt.

Mit Musik gegen Tinnitus

Welche Tinnitus-Therapie helfen kann, bespricht man mit seinem Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Und der könnte unter Umständen auch auf Tinnitracks hinweisen. Eine neuere Methode, die im wahrsten Sinne des Wortes interessant klingt. Denn Tinnitracks geht mit Musik gegen den Tinnitus vor. Oder genauer gesagt: mit persönlichen Lieblingsliedern, die von der App individuell angepasst werden. Und so funktioniert das Ganze: Die für das Hören zuständigen Nervenzellen im Hörzentrum des Gehirns sind ähnlich wie eine Klaviertastatur angeordnet. Von tiefen zu hohen Frequenzen. Und diese können einzeln angespielt werden. Beim Tinnitus sind einzelne Hörzellen überaktiv und werden zusätzlich strapaziert, wenn eine bestimmte Frequenz ertönt. Und genau diese Frequenz wird durch Tinnitracks ausgeschaltet: Die App analysiert die ausgewählten Lieder des Anwenders und filtert aus ihnen die individuelle Frequenz heraus, die auch der Tinnitus des Betroffenen aufweist. Spielt er also seine Songs über Tinnitracks ab, ertönt diese Frequenz nicht. Oder um beim Bild mit dem Klavier zu bleiben: Wird auf der Klaviatur die entsprechende Taste angeschlagen, erklingt an der Stelle kein Ton. Das Lied läuft, ohne die betreffenden Hörzellen weiter zu strapazieren. Das Ergebnis: Die Überaktivität im Hörzentrum, die für die Ohrgeräusche verantwortlich ist, kann beruhigt werden, sodass eine nachhaltige Linderung des Tinnitus möglich ist.

Doch bevor man überhaupt auf die Play-Taste drücken kann, steht ein Besuch beim Doktor an. „Der Arzt stellt zunächst fest, ob sich der Tinnitus des Patienten für die Therapie mit Tinnitracks eignet“, erläutert Jörg Land, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups, das Tinnitracks entwickelt hat. Sind die ersten Weichen gestellt, gibt es die App gegebenenfalls sogar auf Rezept. Denn Tinnitracks wird mittlerweile von Branchengrößen wie der Techniker Krankenkasse, der AXA oder der Gothaer unterstützt. Ein großer Erfolg, den sich die drei Jungunternehmer hart erarbeiten mussten.

 

„Die App analysiert die ausgewählten Lieder des Anwenders“

Wie alles begann

Ganz am Anfang war Tinnitracks nicht mehr als eine Idee von drei Freunden. Doch wie kamen sie darauf, sich ausgerechnet mit dem Thema Tinnitus zu befassen? „Zufall“, erläutert Land lächelnd. „Unser Mitgründer Adrian stand vor der Abschlussarbeit seines Medientechnik-Studiums und wollte nicht die tausendste Abhandlung zum Mp3-Format schreiben. So suchte er nach Alternativen und bekam von einer Tinnitus-Klinik die Anfrage, ob er sich mit der Überaktivität von Hörzellen beschäftigen wolle. Denn wissenschaftliche Studien zur Therapie mit unterdrückten Tönen gab es schon – doch es gab keine konkrete Lösung. Und so kam der Stein ins Rollen.“ Die drei Kumpels stecken die Köpfe zusammen, gründen das Start-up Sonormed und tüfteln an einem Patent. Zu dieser Zeit bieten sie Tinnitracks nur als Computer-Programm an – die „mobile“ App liegt noch in weiter Ferne. Auf ihrem Weg begegnet den jungen Gründern auch eine Fülle an bürokratischen Hürden. Schließlich haben sie sich zum Ziel gesetzt, im medizinischen Bereich Fuß zu fassen. Doch die Hamburger glauben an ihr Projekt und lassen sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen. So bewerben sie sich irgendwann bei einem Innovationspreisausschreiben der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Wir wollten schauen, wie die Idee bei Außenstehenden ankommt“, erinnert sich Land. Und sie kommt an: Tinnitracks gewinnt auf Anhieb den ersten Platz – und zunehmend an Fahrt.

 

„Ganz am Anfang war Tinnitracks nicht mehr als eine Idee von drei Freunden.“

Mit persönlichen Lieblingsliedern gegen Tinnitus!

Die Oscars der Start-up-Szene

Die Idee schlägt immer größere Wellen und überzeugt auch namhafte Partner: Plötzlich sitzen die drei Jungunternehmer mit Leuten wir Daniel Sennheiser zusammen – dem geschäftsführenden Gesellschafter des gleichnamigen renommierten Kopfhörer-Herstellers, der heute mit Tinnitracks zusammenarbeitet. Die Hamburger werden mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet und fassen schließlich den Mut, auch beim sogenannten SXSW Accelerator in den USA an den Start zu gehen – der Oscar-Verleihung der Start-up-Szene. „Ein Jahr zuvor saß ich noch im Publikum“, erinnert sich Land. „Ich dachte mir: Hier würde ich auch gerne mal stehen – habe es mir aber nie zugetraut, weil die Konkurrenz so unfassbar hart ist. Doch ein Jahr später haben wir uns beworben, wurden aufgenommen und konnten tatsächlich als erstes deutsches Start-up überhaupt den ersten Platz in der Kategorie Digital Health & Life Science für uns entscheiden.“

Gehör bei den Krankenkassen

Der Erfolg in den USA hievt Tinnitracks noch einmal auf eine neue Ebene. Die drei Hamburger ruhen sich aber nicht auf ihren Lorbeeren aus, sondern arbeiten unermüdlich daran, ihrer Idee buchstäblich noch mehr Gehör zu verschaffen. Ihr nächstes Ziel: Tinnitracks soll es auch auf Rezept geben. Ihr erster Ansprechpartner: die Techniker Krankenkasse. Die Gründer sind gut vorbereitet und können durchweg überzeugen – bei den Normen, beim Medizinprodukt-Datenschutz oder bei der IT-Sicherheit. „Von der Seite der Krankenkasse hieß es daher – ‚Okay, probieren wir’s aus‘“, erzählt Land. „Und alles lief sehr zufriedenstellend, sodass auch mehr und mehr Versicherungen mitgemacht haben.“ Heute sind es fünf – und es werden zunehmend mehr.

Der Ablauf

Der Arzt vergibt einen Tinnitracks-Aktivierungscode. Der Patient meldet sich auf der Seite seiner teilnehmenden Versicherung an und lädt sich die App im App-Store runter. Alles, was der Patient dann noch machen muss, ist seine individuelle Frequenz einzugeben. „Den Rest erledigt Tinnitracks“, betont Land. Die Lieder werden also automatisch bearbeitet und die Therapie erfolgt einfach per Knopfdruck. Die Voruntersuchung beim Arzt ist jedoch unverzichtbar. Denn nur durch eine genaue Frequenz-Bestimmung des Tinnitus kann die Therapie mit Tinnitracks auch gelingen. Die Frequenz des Tinnitus muss stabil sein und in einem Bereich zwischen 200 Hertz und 20 Kilohertz liegen. Bei einem Breitband-Rauschen ist Tinnitracks nicht geeignet. Bei der Musik ist die Auswahl relativ groß – nur Hörbücher scheiden definitiv aus. „Wir haben mal einen Anruf von einem Vermittler eines Scheichs aus den Emiraten bekommen“, erinnert sich Land. „Dieser wollte den Koran entsprechend gefiltert haben. Doch bei Hörbüchern liegt das generelle Problem vor, dass die Stimmen sehr schmalbandig sind – und das funktioniert nicht.“ Pop-Musik und die meisten anderen Lieder, die aus dem Küchenradio kommen, eignen sich dagegen sehr gut.

Das A und Ohr

Wirklich entscheidend bei der Therapie mit Tinnitracks ist, dass die App auch regelmäßig genutzt wird. „Es ist genau wie beim Vokabellernen“, erklärt Land, „der Erfolg kommt nicht an einem Wochenende, sondern erst wenn man wirklich Tag für Tag lernt.“ Bei Tinnitracks sollten es mindestens 90 Minuten täglich sein – und zwar über einen Zeitraum von einem Jahr. Doch das sollte eigentlich machbar sein – schließlich ist Musik hören etwas angenehmer als Vokabeln pauken. Die Wirksamkeit der Therapie wurde in klinischen Studien überprüft und bestätigt. Trotzdem arbeiten die drei Unternehmer kontinuierlich daran, Tinnitracks weiter zu verbessern und neue Anwendungen zu entwickeln. So kooperiert Sonormed seit Neuestem auch mit dem Fraunhofer Institut und tüftelt zudem an ganz neuen medizinischen Angeboten, die ähnlich wie Tinnitracks digital funktionieren werden. Man kann sich also sicher sein: Wir werden noch einiges von den drei Hamburgern hören.

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