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Suat Yilmaz hat einen besonderen Beruf: Talentscout. Bis vor kurzem war sein Job einzigartig in Deutschland. Im Auftrag der Westfälischen Universität in Gelsenkirchen sucht er nach Talenten, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft wenig Unterstützung erfahren – und hilft ihnen, den Sprung auf eine Hochschule zu schaffen.

Wenn Meike von der Schule zurückkommt, öffnet sie zunächst nicht eines ihrer Bücher – sondern den Geschirrschrank. Zuerst steht Kochen auf ihrem Plan. Für sich und ihre Geschwister, mit denen sich Meike ein Zimmer teilt. Danach widmet sich das siebzehnjährige Mädchen ihrem Nebenjob. Hausaufgaben und Klausur-Vorbereitungen? Dafür hat Meike erst ab 21 Uhr Zeit – ohne eigenen PC oder Internetanschluss wohlbemerkt. Und trotzdem wird sie einen Notendurchschnitt von 2,5 schaffen.

Was sie damit anfangen will? Das weiß Meike nicht. Als Studentin verdient sie doch jahrelang kein Geld. Und es gibt da noch diese vielen Fragen. Fristen, Finanzierung, Bafög, Bewerbung, Einschreibung. Ihren Eltern fällt es schwer, ihr dabei zu helfen. Ihr Vater ist Schlosser, ihre Mutter putzt. Und außerdem, so glaubt das Mädchen, ist sie mit ihrem Schnitt eh Mittelmaß. Talentscout Suat Yilmaz sieht das anders – und hat dazu beigetragen, dass Meike heute erfolgreich auf Lehramt studiert.

Suat Yilmaz - Projekt WerWilderKann

Talente wie diese.
Auf den ersten Blick ist Meikes Notenschnitt von 2,5 okay. Aber eben nur okay. Doch in Anbetracht ihrer Lebensumstände ist es eine unglaubliche Leistung. Meike ist ein echtes Talent, das bestens auf einer Uni aufgehoben wäre, aber nicht die nötige Unterstützung erfährt. Genau diese Talente sucht Suat Yilmaz. Jugendliche, die über großes Potenzial verfügen, es jedoch deutlich schwieriger haben als ihre Altersgenossen aus Akademikerfamilien.

Arbeiterkinder vs. Akademikerkinder.
„Das kann nicht sein, dass Herkunft in diesem Bildungssystem eine so große Rolle spielt,“ erläutert Suat Yilmaz. 77 Prozent der Akademikerkinder gehen an die Uni. Bei Kindern aus Arbeiterfamilien sind es 23 Prozent. Für uns ist es nicht außergewöhnlich, dass der Sohn eines Chirurgen Medizin studiert. Doch wenn der Spross eines Gas Wasser Installateurs sich nicht in einem Blaumann, sondern in einen Arztkittel sieht, machen die meisten große Augen. Talentscout Suat Yilmaz kämpft dagegen an.

Können statt Herkunft.
„Diesen Zustand können wir uns weder sozialpolitisch noch wirtschaftspolitisch noch bildungspolitisch leisten“, erklärt Suat Yilmaz. „Herkunft entscheidet maßgeblich über die Zukunft der jungen Menschen. Und das ist etwas, das wir nicht hinnehmen können und nicht hinnehmen wollen.“ Aus diesem Grund besucht der engagierte Talentscout unermüdlich Gesamtschulen, Berufskollegs und Gymnasien im Ruhrgebiet.

Herkunft entscheidet maßgeblich über die Zukunft der jungen Menschen. Und das ist etwas, das wir nicht hinnehmen können und nicht hinnehmen wollen.

Suat Yilmaz - Gesamtschule Horst Gelsenkirchen

Oberstufen Schüler einer Partnerschule (Gesamtschule Horst Gelsenkirchen). Fotoaufnahme während eines TV Drehtermins (RTL-Exclusiv 2014)

Suat Yilmaz.
Suat Yilmaz ist studierter Sozialwissenschaftler und der erste Talentscout an einer deutschen Universität. Im Namen der Westfälischen Hochschule gibt er jungen Menschen einen Schubs in Richtung akademische Laufbahn. Jungen Menschen, die zwar eine Menge auf den Kasten haben – aber das Studium nicht auf dem Schirm. Jungen Menschen, die nicht auf die Idee kommen, auf die Uni zu gehen oder sich mit zu vielen Fragen konfrontiert sehen. Jungen Menschen, deren Eltern das Studium ablehnen oder nicht die Möglichkeiten haben, ihre Kinder zu unterstützen. Suat Yilmaz übernimmt diesen Job. Mit Rat und Tat in der Schule, im Elternhaus oder via WhatsApp.

Wir möchten den jungen Menschen Möglichkeiten eröffnen und die Klinke ein Stück weit runterdrücken.

Es werde Licht.
Wie leistet Suat Yilmaz Unterstützung? Auf unterschiedliche Weise. Bei individuellen Gesprächen nimmt er die Talente der Schüler unter die Lupe. „Viele von ihnen wollen sich für Maschinenbau einschreiben, weil sie jemanden kennen, der dieses Fach studiert“, erklärt Suat Yilmaz. „Dabei liegt ihr Talent oftmals woanders.“ Der Talentscout beleuchtet diese Fähigkeiten und zeigt entsprechende Studiengänge auf, von denen die Schüler nichts wussten. Anderen macht er Mut und motiviert. Nicht selten lehnen begabte Schüler das Studium ab, weil sie nicht wissen, wie sie es finanzieren sollen oder glauben, dass Bafög hohe Verschuldung bedeutet. Suat Yilmaz bringt dann Licht ins Dunkel.

Ängste nehmen – Antworten geben.
Wie funktioniert das Bafög überhaupt? Welche Finanzierungs-Möglichkeiten gibt es? Bekommen nur Einserschüler ein Stipendium? Der Talentscout definiert mit den Schülern Ziele – und zeigt, wie sie diese erreichen können. Suat Yilmaz vermittelt Nachhilfe in Fächern, die für einen bestimmten Studiengang entscheidend sind. Er klärt über Anforderungen auf, hilft bei Bewerbungen oder informiert über Fristen. „Wir möchten den jungen Menschen Möglichkeiten eröffnen und die Klinke ein Stück weit runterdrücken“, erklärt Suat Yilmaz. „Reingehen, müssen sie selber.“ Außerhalb der Schulzeiten steht der Talentscout den Schülern via WhatsApp, Facebook oder Skype zur Seite. Und er setzt sich vor allem dort für sie ein, wo Rückhalt entscheidend ist: im Elternhaus.

Skeptische Eltern.
Gerade Eltern, die nicht an der Uni waren, haben es schwer, adäquat Unterstützung zu leisten oder stehen den akademischen Plänen ihrer Kinder kritisch gegenüber. Wie soll meine Tochter mit Sozialwissenschaften Brötchen verdienen? Eine Ausbildung bringt vom ersten Tag an Geld. Und außerdem ist ein Studium unbezahlbar. Einige Eltern ziehen nicht in Betracht, dass ihre Kinder das Zeug für die Uni haben. Wie wichtig ein aufklärendes Gespräch sein kann, zeigt Suat Yilmaz am Beispiel von Lejla.

Umdenken lenken.
Lejla kommt aus einer libanesischen Familie. Ihre Eltern waren nicht der Meinung, dass die Universität das Richtige für sie ist. Bildung stand nicht im Vordergrund. „Lejla hätte zuhause 50 Mal erklären können, wie wichtig die Schularbeiten für sie sind“, erläutert Suat Yilmaz. „Die Antwort des Vaters wäre: Mach. Jetzt. Die Hausarbeit.“ Genau hier setzt Suat Yilmaz an. Der Talentscout besucht die Familien zuhause und macht die Relevanz eines Studiums deutlich.

Dabei betont er, dass er in Lejla ein echtes Talent entdeckt hat. Die kleine Intervention reicht oft aus, um die Kultur im Elternhaus ein stückweit zu verändern. Die Anerkennung, die Lejla bei dem Talentscout erfährt, überträgt sich auf die Einstellung der Eltern. Sie sind deutlich bereiter, ihr den Rücken zu stärken und sie bei ihren akademischen Plänen zu unterstützen. Auch Lejla bekommt so einen zusätzlichen Motivationsschub. Suat Yilmaz kennt dieses Gefühl – ohne Mentor wäre für ihn wohl an der Hauptschule Schluss gewesen.

Suat Yilmaz - TalentAkademie Schülerin Seda

Abschlussveranstaltung der TalentAkademie Ruhr 2013 auf Schalke. Seda Schülerin 9. Klasse aus Dortmund hat erfolgreich an diesem Programm teilgenommen.

Auch Suat Yilmaz hätte Suat Yilmaz gebraucht.
Suat Yilmaz ist drei Jahre alt, als er als Sohn türkischer Gastarbeiter nach Deutschland kommt. In der Grundschule hat er gute Noten und bekommt eine Gymnasialempfehlung. Für seine Eltern, die nicht auf einer weiterführenden Schule waren, ein echter Hoffnungsschimmer. Auf dem Gymnasium läuft es nicht wie erwartet. Suat Yilmaz kommt auf die Hauptschule. Dass er studieren kann, schminkt er sich ab. Doch der Direktor erkennt sein Talent.

Er tritt mit den Eltern in Kontakt und erzählt ihnen, dass er an Suats Potenzial glaubt. Das erfüllt den Vater mit unglaublichem Stolz, sodass Suat Yilmaz auf immense Unterstützung in der Schule UND im Elternhaus zählen kann. Er wechselt auf die Gesamtschule, macht sein Abitur und fängt das Studium der Sozialwissenschaften an. Bei seinen Gesprächen mit Lehrern und Eltern erzählt er diese Geschichte gern. Sie zeigt, wie wichtig es ist, was man zu den Schülern sagt.

Suat Yilmaz - Talentscout

Wir wollen diesen Kids vom ersten Tag an sagen: Hör zu, egal was Dein Anliegen ist – wir sind Dein Ansprechpartner.

Unterstützung an der Uni.
Wenn es die Talente an die Uni schaffen, winkt Suat Yilmaz nicht ab. Ganz im Gegenteil – er steht ihnen weiterhin zur Seite. Schließlich wirft der Uni-Alltag eine Fülle an neuen Fragen auf. Welche Nachweise benötigt das Bafög-Amt? Wie funktioniert ein Auslandssemester? Wie kann ich sprachliche Defizite korrigieren? Wie organisiere ich mein Pflichtpraktikum? Suat Yilmaz betont: „Wir wollen diesen Kids vom ersten Tag an sagen: Hör zu, egal was Dein Anliegen ist – wir sind Dein Ansprechpartner.“ Ein Engagement, das Unglaubliches bewirkt.

Einsatz, der sich lohnt.
Weit über 500 junge Menschen hat Suat Yilmaz seit 2011 beraten. Rund 80 Prozent von ihnen haben den Sprung an die Uni geschafft. Nach Hamburg, Berlin, München oder die Westfälische Hochschule, an der der Talentscout sein Büro hat. Besonders in Erinnerung ist ihm die Geschichte von Lena geblieben. „Lena ist ohne Eltern aufgewachsen“, erzählt Suat Yilmaz. „Sie kam aus einem kleinen Städtchen im Münsterland, wohnte alleine und hatte wenig Unterstützung. Doch sie hat ein Abitur von 1,7 gemacht, bekam ein Stipendium der Friedrich-Ebert Stiftung und studiert heute Jura an der Hochschule Köln. Das was ich Ihnen hier in zwei, drei Sätzen sage, war ein harter Kampf für das Mädchen und für uns. Und der Kampf geht weiter – doch Lena schlägt sich gut.“

Ein typischer Talentscout-Tag von Suat Yilmaz.

Suat Yilmaz und 30 mehr.
Als Suat Yilmaz vor vier Jahren anfing, nach begabten Schülern aus unterprivilegierten Milieus zu suchen, war er Deutschlands einziger Talentscout dieser Art. Es gab einen Leiter an der Universität, Suat Yilmaz selbst und ein Strategiepapier. Mehr nicht. Ende 2011 fanden die ersten Beratungen statt und der Stein kam ins Rollen. Heute, nach vier Jahren, ist das Echo überwältigend: Das Landesministerium NRW hat 21 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Neben der Westfälischen Hochschule werden sechs weitere Hochschulen Talentscouts einsetzen. Das Land wird ein Zentrum für Talentförderung finanzieren und Anfang nächsten Jahres sollen 30 Scouts in rund 300 Schulen im Ruhrgebiet nach Talenten suchen.

Suat Yilmaz - Schülerberatung

Beratung zweier Schülerinnen im Berufskolleg Recklinghausen

Eine Arbeit, die Deutschland verändert.
Das Interesse ist nicht nur im Ruhrgebiet immens. Suat Yilmaz hat schon im Schloss Bellevue einen Vortrag über seine Arbeit gehalten. Genauso im Bundestag, bei verschiedenen Stiftungen und Verbänden oder in Unternehmen wie VW. Die Deutsche Welle strahlte sogar eine weltweite Doku aus. Seitdem gibt es die verschiedensten Anfragen aus Ecuador, Mexiko, Argentinien oder den USA. Und die Bundesagentur für Arbeit hat vor kurzem den ersten Talentscout für Flüchtlinge eingestellt. „Eine unglaubliche Dynamik ist entstanden“, erklärt Suat Yilmaz begeistert. „Und wir gehen davon aus, dass das Scouting mit der Gründung des Zentrums für Talentförderung im gesamten Bundesgebiet Impulse setzen wird.“

Schüler 1: Katja D.
Das Mädchen stammt aus einem nichtakademischen Haushalt und sah sich nicht in der Lage ein Studium zu finanzieren. In der Beratung bei Suat Yilmaz erfuhr sie mehr über Stipendien und studiert heute Ökonomie an der privaten Eliteuniversität in Rotterdam.

Schüler 2: Ali K.
Eine Lehrerin hat Suat Yilmaz auf den jungen Tunesier aufmerksam gemacht. Er kommt aus einer maximal bildungsfernen Familie, hatte nicht die besten Noten, aber einen unglaublichen Fleiß. Mit Unterstützung des Talentscouts konnte er seine Zensuren verbessern, schaffte das Abi, studiert heute Wirtschaftswissenschaften und wird in der Regelstudienzeit fertig.

Schüler 3: Diren S.
Suat Yilmaz hat Diren in der zehnten Klasse einer Gesamtschule kennengelernt. Sie war eine der ersten seiner Talente. Ihre Eltern waren offen für Bildung, doch Diren dachte nicht im Traum daran, an die Uni zu gehen. Heute studiert sie Lehramt im vierten Semester, arbeitet als studentische Hilfskraft im Talentprogramm – und ist als Talentscout in Schulen unterwegs.

Ein Mann – Ein Wort.

Wenn Sie heute nochmal 19 Jahre alt wären, für welchen Studiengang würden Sie sich einschrieben?
Sozialwissenschaften.

Was benötigen junge Menschen bei ihrer Zukunftsgestaltung ganz besonders?
Visionen.

Welchen Beruf würden Sie Bart Simpson empfehlen?
Talentscout.

Wenn Sie Bildungsminister wären, welches neue Schulfach würden Sie bundesweit an Schulen einführen?
Erfolgsmanagement.

Was ist das größte Hindernis für Schüler, die akademische Laufbahn einzuschlagen?
Angst.

Welchen Lehrer hätten sie lieber gehabt? Robin Williams aus Club der toten Dichter oder Elyas M’Barek aus Fack Ju Göhte?
Williams.

Welcher Soft Skill ist heute bei jungen Menschen besonders ausgeprägt?
Unrechtsbewusstsein.

Welcher Berufswunsch begegnet Ihnen am häufigsten?
Manager.

Was hätte der heutige Talentscout Suat Yilmaz dem damaligen Schüler Suat Yilmaz auf den Weg gegeben?
Hoffung.

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