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Raten Sie, wie viele Kinderbücher oder Blindenstöcke es bis vor Kurzem hierzulande für blinde Kleinkinder zu kaufen gab? Keine. Dank Ellen Schweizer und Steffen Zimmermann ist das anders. Sie haben den Verein ‚Anderes Sehen‘ gegründet und kämpfen für eine umfangreichere Frühförderung. Dabei machten sie in Deutschland unter anderem Klicksonar bekannt – eine Orientierungs-Methode, die für blinde Menschen gedacht ist und ihnen sogar ermöglicht, Fahrrad zu fahren.

Mit Klicksonar auf Erkundungstour

Die Tochter von Ellen Schweizer und Steffen Zimmermann ist fünf und von Geburt an blind. Einschränken lässt sie sich nicht. Schließlich ist das Nicht-Sehen-Können für sie normal.

Wie jedes Kind liebt sie es, ihre Umwelt zu erkunden. Nur dass sie dies anders macht als ihre sehenden Freunde: mit Klicksonar. Einer Methode, bei der sie einen Laut durch das Schnalzen ihrer Zunge erzeugt. So »tastet« sie ihre Umwelt mit einem Geräusch ab, dessen Echo verrät, wie die Umgebung beschaffen ist.

Wie blinde Menschen sehen können

Befindet sich eine Wand in der Nähe? Ein Baum? Oder ein Gebäude? Und wenn ja, wo hat das Gebäude einen Eingang? All das wird durch Klicksonar hörbar. Die Technik ähnelt der Orientierungsmethode von Delfinen und Fledermäusen.

Blinde Menschen haben mit ihr die Möglichkeit, eine räumliche Vorstellung von ihrer Umgebung zu bekommen. Bis vor drei Jahren kam Klicksonar in Deutschland kaum zum Einsatz. Ellen Schweizer und Steffen Zimmermann haben das geändert.

Als die beiden erfahren, dass ihre Tochter blind ist, ist für sie klar: Sie wollen alles tun, dass ihr Kind sein Leben uneingeschränkt und unabhängig leben kann.

Doch es zeigt sich, dass die Möglichkeiten einer adäquaten Frühförderung hierzulande eher dürftig sind. Zur Zeit ihrer Recherche gibt es keine kindergerechten Blindenstöcke. Keine vernünftigen Bilderbücher, keine Erstlesebücher, kein Material zum Erlernen der Punktschrift für Vorschüler. Kein Mobilitätstraining, kaum akustische Förderung und keine zentrale Informationsplattform für Eltern und Pädagogen. Von Lehrern, die Klicksonar vermitteln, ebenfalls keine Spur.

Ellen Schweizer - Anderes Sehen
Das Ehrenamt in Zahlen

ARAG Trend: Das Ehrenamt in Zahlen

Wir haben gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Emnid eine repräsentative Umfrage zum freiwilligen Engagement im Ehrenamt durchgeführt: den ARAG Trend.

Demnach genießt ehrenamtliches Engagement in Deutschland ein äußerst hohes Ansehen. Viele sind in den unterschiedlichsten Bereichen aktiv, am liebsten mit Kindern und Jugendlichen, im sozialen Bereich oder mit Senioren.

Besonders auffällig ist der Wunsch nach mehr Engagement für Flüchtlinge und Migranten: 63,8 Prozent halten hier ehrenamtlichen Einsatz für wichtig; allerdings sind nur 1,7 Prozent aktuell aktiv.

Interessant ist auch, dass die meisten der ehrenamtlich Tätigen sich gleich in zwei oder mehr Bereichen betätigen. Außer im Sport sind es meist Frauen: 39, 3 Prozent setzen sich in ihrer Freizeit für andere ein. Spitzenreiter in den Altersgruppen sind die 40- bis 49-Jährigen. Außerdem ist Berufstätigkeit kein Hindernis, im Ehrenamt zu arbeiten.

Das Ehrenamt in Zahlen
Das Ehrenamt in Zahlen

Deutschland entdeckt Klicksonar

Auf Klicksonar werden die Eltern im Internet aufmerksam. In einem YouTube-Video sehen sie, wie der blinde Junge Ben Underwood dank der Echoortung Fahrrad fährt, Basketball spielt und sich frei bewegt. Sie suchen weiter und stoßen auf einen wahren Klicksonar Meister: Daniel Kish.

Der blinde US-Amerikaner hat die Non-Profit-Organisation „World Access for the Blind“ gegründet. Dabei hat er sich zur Aufgabe gemacht, blinde Menschen zu unterstützen und Klicksonar bekannt zu machen. „Wir wussten sofort, dass wir Daniel Kish und unsere Tochter zusammenbringen müssen“, erklärt Ellen Schweizer.

„Und wir haben herausgefunden, dass es viele Förderungsmöglichkeiten gibt, die hierzulande nicht zum Einsatz kommen“, ergänzt Steffen Zimmermann. „Wenn man das alles weiß, kann man andere Eltern und vor allem die Kinder nicht hängenlassen. Wir wollten dieses Wissen teilen und dafür sorgen, dass die Maßnahmen für blinde Menschen zum festen Bestandteil der Frühförderung werden.“

Klicksonar? Ein Kinderspiel!

Gemeinsam mit einer weiteren Familie laden sie Daniel Kish nach Deutschland ein und zeigen anderen Eltern wie Klicksonar funktioniert. Erlernen kann es jeder. Es ist nicht schwierig, sich einen Eindruck davon zu machen: Es reicht, die Augen zu schließen und eine Schüssel mit der Öffnung 30 cm vor das Gesicht zu halten. Nun schnalzt man mit der Zunge oder spricht drauf los. Dann bewegt man die Schüssel weg und stellt fest: Je nachdem, wo sich die Schüssel befindet, hört sich das Geräusch anders an. Mit Übung klappt Klicksonar auf weitere Entfernungen.

Eine Technik fürs Leben

Mit Klicksonar bekommen blinde Menschen eine echte räumliche Vorstellung. Sie schnalzen mit der Zunge und wissen: Da vorne ist ein Baum. Links stehen Autos und rechts ist ein Busch, hinter dem sich ein Gebäude befindet. Ohne Klicksonar müssten sie sich die Schrittanzahl merken und nehmen Objekte erst wahr, wenn sie auf diese stoßen und sie ertasten. Ganz anders mit der Schnalz-Technik.

Mit ihr erweitern sie ihren Wahrnehmungsradius um bis zu 200 Meter. Doch wie bringen Eltern ihre Kinder dazu, eine Technik wie Klicksonar zu erlernen? Natürlich spielend. So schlüpfen die Kleinen in die Rolle von Mäusen, die den Ausgang suchen. Oder kriegen Punkte für alle Hindernisse, die sie erklicken.

Nicht verwunderlich, dass Klicksonar mitten ins Schwarze trifft.

Nach ihren ersten Erfahrungen regen Ellen Schweizer und Steffen Zimmermann einen Spiegel-Artikel an, der der Technik breite Aufmerksamkeit beschert. Das Interesse, das Klicksonar weckt, ist gewaltig. Schweizer und Zimmermann merken schnell: Sie benötigen Spenden, um die Kosten für die nötigen Workshops, Vorträge und anderen Projekte zu stemmen. Und das ist nur mit einem gemeinnützigen Verein möglich – Anderes Sehen e. V. tritt auf den Plan.

Mit vollem Einsatz für blinde Menschen

 

Seit 2011 fordert der Verein, dass blinde Kinder hierzulande eine entsprechende Frühförderung in den ersten fünf Lebensjahren erhalten. Klicksonar ist nur eines von vielen Themen. Auch andere Themen sind wichtig.

So sorgen Schweizer und Zimmermann dafür, dass die ersten angemessenen Kinderbücher für blinde Kinder erscheinen. Diese machen Geschichten haptisch erlebbar, bringen die Kinder und ihre Eltern in Kontakt mit der Brailleschrift und fördern die Entwicklung der Kleinen.

Zudem lässt der Verein die ersten Blindenstöcke für Kinder unter sechs Jahren produzieren. „Die allgemein verbreitete Haltung war, dass sie das noch nicht brauchen“, erklärt Steffen Zimmermann. „Blinde Kleinkinder lässt doch niemand von der Hand. Das war die Auffassung.“

Ellen Schweizer
Steffen Zimmermann

Dabei wollen blinde Kinder genauso herumtoben und ihre Umgebung erkunden. Womit wir bei einem der wichtigsten Ziele von Anderes Sehen wären: der Verbesserung der Inklusion von blinden Kindern in Deutschland. Also der vollständigen und gleichberechtigten Möglichkeit, in die Gesellschaft hineinzuwachsen und an ihr teilzunehmen.

„Vor allem die Haltung muss sich ändern“, betont Schweizer. „Die Gesellschaft soll blinde Menschen nicht als etwas Besonderes wahrnehmen, sondern als einen normalen Teil dieser.“ „Ein schönes Beispiel ist die Brille“, fügt Zimmermann hinzu. „Sie ist eine medizinische Prothese und inzwischen vollkommen anerkannt. Als ich zur Schule ging, war das noch anders. Kinder mit Brillen wurden gehänselt. Heute ist es dagegen selbstverständlich, dass wir eine Sehbehinderung durch eine Brille ausgleichen. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Behinderungen mit dieser Selbstverständlichkeit anerkannt werden.“

 

Die Gesellschaft soll blinde Menschen nicht als etwas Besonderes wahrnehmen, sondern als einen normalen Teil dieser.

Ihre Hilfe für Klicksonar und Co

Dieser Einsatz für blinde Menschen geht ungebremst weiter. Denn es besteht weiterhin großer Handlungsbedarf. Stocktraining ist viel zu spät im Lehrplan enthalten. Für blinde Kinder im Vorschulalter gibt es zurzeit kaum pädagogisches Lehrmaterial zum Erlernen des Lesens und Schreibens oder zum Verstehen der Welt.

Und zum Erlernen der Klicksonar Methode finden sich hierzulande noch viel zu wenige Angebote. Schweizer und Zimmermann kämpfen täglich dafür, dies zu verbessern – und das alles neben ihren hauptberuflichen Tätigkeiten. Jede Unterstützung ist eine große Hilfe. Ob in Form von Spenden oder durch freiwillige Mitarbeit.

Zum Beispiel in der Buchhaltung, beim Schreiben von Pressetexten oder bei der Verwirklichung neuer Projekte für blinde Menschen.

Mitmachen erwünscht! Wenn Sie sich engagieren möchten, sind Sie hier goldrichtig:
www.anderes-sehen.de

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